Wissensprozesse

Innovationsfähig durch Ausschöpfung aller Wissensprozesse

Innovationen sind gekennzeichnet durch die Entwicklung und Umsetzung neuen Wissens. Nachhaltige Innovationsfähigkeit erfordert also, die Entwicklung und Umsetzung neuen Wissens zu verstetigen. Da geht es nicht nur um neue technische Erfindungen aus dem F&E-Bereich oder neue Dienstleistungsangebote, da jede neue Lösung einen partiell neuen Anwendungszusammenhang beinhaltet. So erfordert ein technisch neues Produkt in der Regel Veränderungen im Produktionsprozess, der Absatz dieses neuen Produkts bedarf eventuell einer veränderten Produkt-Markt-Kombination, u. U. werden andere Finanzierungsmodalitäten notwendig, die Zulieferer-Beziehungen ändern sich und es werden quantitative und qualitative Personalanpassungen erforderlich. All diese Veränderungen lassen sich meist nicht ohne organisatorische Anpassungen oder gar Umstrukturierungen realisieren. In all diesen Bereichen treten neue Probleme auf, für die das verfügbare Repertoire an Erkenntnissen und Erfahrungen in der Regel nicht ausreicht. Ähnliches gilt in leicht veränderter Weise für Prozess- und Marketinginnovationen. Im Verlauf eines Innovationsprozesses muss also für viele verschiedene Teilprobleme neues Wissen erworben werden. Doch wie kommt neues Wissen zustande, wenn es definitionsgemäß nicht aus vorhandenem Wissen abgeleitet werden kann?
Eine fundamentale Antwort auf diese Frage findet sich in den Beiträgen von Donald T. Campbell (1974), der ein evolutionäres Modell der Wissensproduktion entworfen hat (zur weiteren Literatur vgl. Gontier, 2006), mit dem sich die Bedingungen von Flexibilität und Stabilität näher analysieren lassen. Es wurde von Scholl (2004, 2007; s. Abb. 2) auf Innovationen angewandt und ergänzt, womit sich die vielfältige Innovationsliteratur aus verschiedenen Disziplinen integrieren lässt.

Wissensprozesse
(a)     Variation: Durch bestimmte Mechanismen werden über das bisherige Wissen hinaus Variationen erzeugt, bei denen unklar ist, welche sich hinterher als passend oder unpassend herausstellen, also relativ blind, ohne hinreichendes Vorwissen. Beim Lernen durch Versuch und Irrtum, dem ersten und grundlegendsten Wissensmechanismus (vgl. die Tabelle 1), besteht die Variation aus Änderungen gegenüber dem bisherigen Verhalten, wobei die Neugiermotivation als zentraler Mechanismus dafür sorgt, dass überhaupt Alternativen ausprobiert werden. Wer neue Fertigkeiten erwerben will, muss üben, üben, üben, d. h. das Verhalten so lange variieren, bis es richtig klappt. Bei Innovationen weiß man beim Probieren oft nicht einmal, ob das Ziel überhaupt erreichbar ist. Besonders typisch ist das in der pharmazeutischen Industrie, wo neue Wirkstoffkombinationen in schier endlosen Versuchsreihen ausprobiert werden.
(b)     Selektion: Unter den so erzeugten Alternativen wird durch bestimmte Mechanismen eine ausgewählt, die als passend, angemessen, gut erscheint. Beim Lernen durch Versuch und Irrtum werden bestimmte Verhaltensweisen durch die Umwelt belohnt und daher wiederholt; andere Verhaltensweisen werden dagegen nicht belohnt oder haben sogar negative Konsequenzen, d.h. als unangenehm empfunden (Bestrafung) und in Zukunft aktiv gemieden. Auf diese Weise können schwierige Fähigkeiten mit der Zeit erworben werden, die sich durch hohe Könnerschaft und damit implizites Wissen (Know-how) über den Umgang mit der Umwelt auszeichnen. Dazu bedarf es weder kreativer Einfälle noch expliziter Wissensvermittlung. Bei Innovationen weiß man nie sicher, ob, wann und mit welchem Aufwand es so funktioniert wie vorher kalkuliert. Meist kommt es anders als man denkt und man muss wieder neu probieren. Manchmal wird dabei sogar etwas Tolles entdeckt, nach dem gar nicht gesucht wurde.
(c)     Retention: Das mit der ausgewählten Variante verbundene „bessere Wissen“ wird durch bestimmte Mechanismen aufbewahrt und ins bestehende Wissen integriert. Beim Lernen am Erfolg geschieht die Integration des Gelernten durch die Ausbildung von Verhaltensgewohnheiten bzw. Geschicklichkeiten, wobei Anlass, Häufigkeit und Intensität der Belohnungen zusammen mit früheren Erfahrungen in einer "Gewohnheitshierarchie", wie es die Lernpsychologie nennt, festgehalten werden. Weitere Variationen setzen auf dem bewahrten und bewährten höheren Niveau an, so dass sich mit der Zeit sehr differenzierte ge¬lungene Anpassungen an eine komplexe Umwelt ergeben:  Es kommt es zu einer Kumulation des „Wissens“ und Könnens.
Die folgende Tabelle zeigt, dass es viele Wissen erzeugende Prozesse gibt, die kombiniert werden können, weil sie hierarchisch geschachtelt sind: Die Entscheidung über die Weiterführung eines Innovationsprojektes, die verbunden ist mit einer erhöhten Finanzierung, baut nicht nur auf Erfahrung, Kreativität und Offenheit der beteiligten Entwickler, Marketingexperten, Produktionsleute und Controller auf, sondern natürlich auch auf deren Abstimmung, Diskussion, Sprachregelung sowie dem Ansehen des Projektleiters, das sich dieser über mehrere gelungen Projekte hin erworben hat. Trotzdem bleibt die Entscheidung ein Wagnis, denn es gäbe für den Einsatz von Geld und Kompetenz viele alternative Verwendungsmöglichkeiten.

Grafik: Mechanismen  evolutionärer Wissensproduktion

Grafik: Mechanismen  evolutionärer Wissensproduktion

Mit diesem umfassenden evolutionären Modell lassen sich alle in der Literatur diskutierten Innovationsmechanismen auf individueller, interaktiver, organisationaler und gesellschaftlicher Ebene rekonstruieren. Ausreichende Variation ist dabei jeweils notwendig, um Flexibilität zu ermöglichen, ausreichende Retention, um genügend Stabilität zu gewährleisten. Nach Campbell begrenzen sich Variation/Flexibilität und Retention/Stabilität wechselseitig bei allen wissensproduzierenden Mechanismen, weil zu viel Variation die Retention des bereits Bewährten gefährdet und umgekehrt zu viel Retention kaum noch Variation als Vorbedingung des Neuen zulässt. Zu allen einzelnen Mechanismen gibt es spezifische Forschung unabhängig vom Modell, die hier nicht einzeln besprochen werden kann. Auf wirtschaftlicher Ebene ist diese evolutionäre Sichtweise im Bereich menschlichen Verhaltens bereits relativ breit akzeptiert (Beinhocker, 2007; Nelson & Winter, 1982). Aus anderen Wissenschaftsbereichen ließen sich weitere evolutionäre Modelle für die angeführten Wissensmechanismen gewinnen und zu der Liste von Tabelle 1 vervollständigen (vgl. ausführlich Scholl, 2004, Kap. 8, und Scholl, 2007).
Dieses Modell der evolutionären Wissensproduktion und Innovation wurde kürzlich empirisch bei ca. 1000 Entwicklern von Produkt- und Prozessinnovationen untersucht und hat sich im Wesentlichen bewährt (Bobkova & Scholl, in Vorb.). Der dort verwendete Fragebogen wurde für das GI:VE-Projekt weiterentwickelt; mit ihm lässt sich eine differenzierte Diagnose der Innovationsfähigkeit eines Unternehmens erstellen. Welche Wissen produzierenden Mechanismen sind in einer Unternehmung gut ausgeprägt und wo besteht Verbesserungsbedarf? Mit der Analyse ist dann auch ein Ansatz für zielgenaue praktische Verbesserungsmaßnahmen gegeben, die in der Interventionsphase mit den Unternehmen beraten werden.

Sie sind interessiert? Informieren Sie sich über den Fragebogen oder testen Sie ihn selbst:
Link Forschung/Diagnoseinstrumente
Link Beratung/Online-Befragung

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Bobkova, K. & Scholl, W. (in Vorb.). Innovationserfolg durch evolutionäre Mechanismen der Produktion neuen Wissens. Humboldt-Universität zu Berlin.
Beinhocker, E. (2007). Die Entstehung des Wohlstandes. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt. mi-Fachverlag.
Campbell, D. T. (1974). Evolutionary epistomology. In P. A. Schilpp (Ed.), The philosophy of Karl Popper (413-463). La Salle, Ill.: Opencourt.
Gontier, N. (2006). Evolutionary epistomology. The Internet Encyclopedia of Philosophy.
http://www.iep.utm.edu/e/evo-epis.htm (retrieved 2008/11/15).
Nelson, R. R. & Winter, S. G. (1982). An evolutionary theory of economic change. Cambridge, Mass.: University Press.
Scholl, W. (2004). Innovation und Information. Wie in Unternehmen neues Wissen produziert wird (Unter Mitarbeit von Lutz Hoffmann und Hans-Christof Gierschner). Göttingen: Hogrefe.
Scholl, W. (2007). Innovationen – Wie Unternehmen neues Wissen produzieren und etablieren. In U. Wengenroth (Hrsg.), Innovationsforschung – Ansätze, Methoden,Grenzen und Perspektiven. Münster: LIT.

Wissensprozesse

Wissensprozesse - die Entstehung von Wissen auf dem Weg zur Innovation
Wissen wird evolutionär erzeugt, das heißt neue Ideen werden ohne Erfolgsgarantie produziert, manche Einfälle verworfen, die erfolgversprechendsten weiterverfolgt, im Pilotversuch erprobt, mit anderen besprochen, als Projekt der Organisation mit Ressourcen ausgestattet, mit Partnern zur Marktreife gebracht und schließlich von Kunden angenommen - wenn alles gut geht. An allen Stellen kann das neue Überraschungen bereiten, Änderungen nötig machen, Misserfolge ergeben - ein Prozess, der viel Flexibilität verlangt und eine stabile Orientierung benötigt. In diesem Sinne ist Innovationsfähigkeit die Erschaffung und Etablierung des Neuen, an dem Einzelne, Gruppen, Abteilungen und am Ende die Organisation insgesamt beteiligt sein müssen, damit aus vielen neuen Ideen einzelne erfolgreiche Produkte oder Verfahren werden. Nur wenn die Entstehung von Wissen auf allen Unternehmensebenen betrachtet und die entsprechenden Wege geebnet werden, steigt die Chance auf erfolgreiche Innovationen.

Hier finden Sie weitere Informationen über den aktuellen Forschungsstand zum Thema "Innovationsfähig durch Ausschöpfung aller Wissensprozesse".