Praeview Nr. 4/2011. Mode oder Methode? Die Bedeutung von Vertrauen für Innovationsprozesse

Praeview - Zeitschrift für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention Nr. 4/2011                                            www. zeitschrift-praeview.de

In den letzten Jahren ist die Bedeutung von Vertrauen für Unternehmensprozesse immer stärker thematisiert worden. Das wirft zwei Fragen auf, die wir in unserem BMBF-Projekt GI:VE untersuchen: 

  • Ist Vertrauen ein Modethema geworden? Was steckt dahinter, was wird unter Vertrauen verstanden, wenn es so große Bedeutung hat? Und welche Rolle spielt Vertrauen neben anderen Merkmalen der Unternehmenskultur?
  • Wenn sich die Bedeutung von Vertrauen bestätigt, wie kann man mehr Vertrauen erreichen in Unternehmen? Inwieweit ist es eine Methode zur Steigerung der Innovationsfähigkeit?

Kern des Projekts GI:VE bzw. „Grundlagen nachhaltiger Innovationsfähigkeit: Vertrauenskultur & Evolutionäre Wissensproduktion“ ist die Ausgestaltung von betrieblicher Kultur zu einer Vertrauens- und Innovationskultur, um nachhaltige Innovationsfähigkeit zu erreichen. Forschungen zu Effektivität und Unternehmenskultur heben vier Merkmale hervor: Ein klares, motivierendes Leitbild, gute Übereinstimmung in Werten und Normen, durchgängige Mitarbeiterorientierung sowie hohe Anpassungsfähigkeit. Wechselseitiges Vertrauen hat nach unserer Auffassung enge Zusammenhänge mit den vier anderen Kulturmerkmalen und hängt auch mit konstruktive  Ablaufprozessen und nachhaltiger Innovationsfähigkeit zusammen. Die folgende Abbildung 1 zeigt das im Überblick.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um die zwei genannten Fragen zu klären, haben wir bei unseren Partnerunternehmen und weiteren interessierten Unternehmen eine Online-Befragung durchgeführt. Zur Zeit haben wir auswertbare Daten von 38 KMU aus den verschiedensten Branchen, bei denen jeweils mindestens 10% der Mitarbeiter die Fragen beantwortet haben, so dass wir durchschnittliche Einschätzungen bilden konnten, die die Verhältnisse im Unternehmen sehr viel genauer wiedergeben als einzelne Meinungen. 

Vertrauen wurde - in Übereinstimmung mit den meisten Autoren - aus drei Komponenten gebildet: Wohlwollen, Fachkompetenz und Integrität. Wohlwollen drückt sich in der Wahrnehmung aus, dass die vertrauenswürdige Person oder Organisation einem selbst Gutes will. Fachkompetenz lässt erwarten, dass die vertrauenswürdige Person oder Organisation in der Lage ist, das gut Gemeinte auch zu erreichen. Integrität besagt, dass die vertrauenswürdige Person oder Organisation sich nach akzeptablen Prinzipien verhält, die auch bei Interessendivergenzen nicht verletzt werden. Vertrauen steigt in dem Maße, wie die Ausprägungen aller drei Merkmale hoch eingeschätzt werden. In dieser dreifachen Weise wurden die Mitarbeiter/innen gefragt zum Vertrauen in ihre jeweilige Führungskraft, in ihre Kolleg/inn/en und in das Unternehmen insgesamt. Die Einschätzungen zu den drei Adressaten wurden zu einem Index des Vertrauensklimas zusammengefasst.

Unsere Analysen zeigen, dass das Vertrauensklima positiv zusammenhängt mit fast allem, was positiv im Unternehmen wahrgenommen wird; dazu gehören 

  • die Mitarbeiterorientierung mit den Komponenten Partizipation an Entscheidungen, gute Arbeitsbedingungen und positive Einstellung der Führungskräfte zu den Mitarbeitern,
  • das Leitbild mit akzeptierten Zielen und klaren Strategien,
  • die Anpassungsfähigekeit, speziell die Kundenorientierung,
  • die Wissenproduktion, besonders die Kommunikation untereinander, verteilte Führung und konstruktive Entscheidungsprozesse, und die daraus erwachsende Entscheidungsgüte,
  • konstruktive Konflikthandhabung und gute Koordinationsfähigkeit sowie letztlich
  • Innovationsfähigkeit und Unternehmenserfolg.

Diese Ergebnisse wecken die Vermutung, dass Vertrauen nicht eine steuerbare Variable ist wie z. B. gute Arbeitsbedingungen oder die Etablierung eines Unternehmensleitbilds. Vertrauen dürfte vielmehr ein Basisurteil der Beziehungsqualität sein: Eine hoch ausgeprägte Mitarbeiterorientierung zeigt Wohlwollen an, konstruktiv verlaufende Unternehmensprozesse signalisieren Integrität, ein klares Leitbild und gute Ergebnisse belegen die Kompetenz. Vertrauen ist nicht die Ursache dafür, sondern als summarisches Gesamturteil ein Ergebnis.

Vertrauen kann man daher nicht 'managen', es ist keine Methode zur Herstellung besserer Verhältnisse und Ergebnisse. Partialanalysen zeigen, dass die positiven Zusammenhänge des Vertrauensklimas mit den anderen oben aufgeführten Variablen verschwinden, wenn die Mitarbeiterorientierung statistisch neutralisiert wird; umgekehrt bleiben die positiven Zusammenhänge der Mitarbeiterorientierung mit denselben Variablen und werden nur ein bisschen schwächer, wenn das Ausmaß des Vertrauens statistisch herausgerechnet wird. Insofern hat Vertrauen immerhin eine zusätzliche positive Funktion zu verbesserten Bedingungen: Vertrauen führt zu einer positiveren Wahrnehmung und Konstruktion der mehrdeutigen sozialen Realität. Das heißt zum Beispiel, dass Mitarbeiter/innen bei Meinungsverschiedenheiten dem Anderen nicht gleich böse Absichten unterstellen, sondern eine konstruktive Lösung erwarten, und dass sie bei Reorganisationen nicht gleich in Opposition gehen, weil sie mit Nachteilen rechnen, sondern erst mal bereitwillig sich die Begründungen anhören und das Beste daraus machen.

Als Fazit aus den Analysen und Überlegungen ergibt sich, dass Vertrauen weder eine reines Modethema noch eine Methode zur Innovationsförderung ist, sondern ein Indikator für positive Beziehungsqualität im Unternehmen. Gefördert wird diese Beziehungsqualität auch durch Bedingungen, die die Innovationsfähigkeit erhöhen, aber umgekehrt ist ein Vertrauensklima auch mit einer Status-Quo-Orientierung vereinbar. Der wichtigste Ansatzpunkt für Innovationsfähigkeit und zugleich für  ein Vertrauensklima ist eine verstärkte Mitarbeiterorientierung; das gilt besonders für mehr Partizipation der Beschäftigten bei den Entscheidungen, die sie betreffen, für verbesserte Arbeitsbedingungen inklusive der Informationsversorgung und für entsprechend mitarbeiterorientierte und trainierte Führungskräfte.

Was heißt das für die Praxis? Wichtig ist zunächst eine sorgfältige Diagnose innovationsförderlicher Bedingungen und des Vertrauensklimas. Dazu bietet GI:VE <www.vertrauenskultur-innovation.de>  den interessierten Unternehmen ein Survey-Feedback an, das aus einer gut getesteten Online-Befragung und einer differenzierten, ausführlichen Rückmeldung der Ergebnisse besteht. Bei Bedarf kann die Rückmeldung auch persönlich für die Geschäftsleitung und die Mitarbeiter/innen erfolgen. Hier wird die gegenwärtige Situation reflektiert und es wird der Bedarf für bestimmte Verbesserungsmaßnahmen gemeinsam identifiziert. Anschließend werden Arbeitsgruppen zur Bearbeitung einzelner Problembereiche gebildet; sofern es sich um drei oder mehr Arbeitsgruppen handelt, ist eine koordinierende Steuerungsgruppe zu empfehlen. Erfahrene Berater der artop GmbH, die auch am GI:VE-Projekt teilnehmen, können diese Arbeitsgruppen moderieren und beraten.

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein dauerhafterer Ansatz ist der Einsatz eines Innovationsmanagers oder - besser gesagt - eines Innovationspromotors, der als Beauftragter der Geschäftsleitung einerseits die verschiedenen Innovationsbedingungen im Auge behält und andererseits konkrete Innovationsprozesse, die hier und dort auf Schwierigkeiten stoßen, mit seinem Erfahrungswissen und seinen Kontakten bis hin zur Geschäftsleitung unterstützt (s. Abbildung 2). Ein Innovationspromotor wird dabei immer auch eine Art Vertrauensmann sein, der unparteiisch seine Unterstützungsfunktion wahrnimmt. Diese Aufgabe bedarf eines Bündels von Kompetenzen, die bisher weder durch ein Studium noch durch die Erfahrung aus einem Funktionsbereich wie F & E, Controlling oder Personalwesen ausreichend erworben werden können. GI:VE hat daher eine Ausbildung zum Innovationspromotor bzw. zur Innovationspromotorin mit 10 zweitägigen Modulen gestartet, die Anfang 2012 abgeschlossen und evaluiert sein wird, so dass danach weitere, verbesserte Ausbildungen folgen. Bei Interesse kann man sich unter der oben genannten Webseite informieren und anmelden.